Das Ende der Schulverbünde
oder:
Wie man sich selbst in den Hintern tritt
In Marsberg wurden zum Schuljahresbeginn drei kleine Schulstandorte
aufgegeben. Aus zwei Schulverbünden wurden zwei einzelne Schulen.
Eine weitere Schule wurde aufgegeben und mit einer anderen
zusammengelegt. Ein Verbund, der aus zwei Schulen besteht, bleibt
noch bis zum Schuljahresende erhalten.
In Brilon wurde aus einem Dreierverbund eine neue Einzelschule und
ein Dreierverbund hat einen Standort geschlossen und ist jetzt ein
Zweierverbund.
Vor nur zwei Jahren wurden die Schulverbünde gegründet, mit dem
Versprechen, dadurch sei es möglich, alle Schulstandorte zu
erhalten. In den zwei Jahren, die die Verbünde bestanden, haben
endlich auch die Eltern erkannt, dass ein Verbund mehr
Schwierigkeiten als Vorteile bringt. Der einzige Vorteil war: Die
Schule bleibt im Dorf. Die Nachteile waren: Die Kinder fahren
trotzdem ins Nachbardorf zur Schule, die Fahrt wird im Winter zum
großen Problem, man erreicht das Nachbardorf nicht. Das Schulleben
leidet. Die Lehrer pendeln zwischen den Standorten, Kommunikation im
Kollegium ist nur schwer möglich.
Eigentlich hätten verantwortliche Politiker die Schulen schon vor
zwei Jahren schließen sollen. Doch die Schulleiter wollten ihre
Schulen erhalten, die Städte wollten den Bürgern die Schulen lassen,
ohne dass Schüler dafür vorhanden waren. Deshalb hat man noch viel
Geld in die Verbünde investiert. Da hätte die Kommune viel Geld
sparen und den Eltern viel Ärger ersparen können. Aber die
vernünftige Lösung war politisch nicht gewollt, weil man den Verlust
von Wählerstimmen fürchtete.
Vor zwei Jahren hatte der Elternwille gesiegt. Nach zwei Jahren
hatten auch die Eltern erkannt, dass das keine gute Lösung war.
Schade, dass vorher niemand hören wollte, was vernünftiger gewesen
wäre.
Das Zitat eines Bürgers aus einem Dorf, dessen Schule zur Schließung
vorgesehen war: „Solange meine Kinder die Schule besuchen, muss die
Schule erhalten bleiben.“ Dieses Zitat zeigt, worum es bei
Bürgerentscheiden geht: Es geht um die eigenen Interessen, nicht um
das Allgemeinwohl. Industrieanlagen, Windräder, Forensische
Kliniken, sogar Atomkraftwerke, wenn sie gebraucht werden und sein
müssen, dann ja, aber nicht in meiner Nähe. Mein Schulgebäude soll
erhalten bleiben, meine Schulform soll weiter bestehen, egal was es
die Allgemeinheit kostet. Das Allgemeinwohl ist weniger wichtig als
mein Wohl. Damit sind Entscheidungen weniger vom Fachinteresse
gelenkt als vom Eigennutz. Deshalb werden Schulen erhalten, die
nicht zu erhalten sind. Eine gute Entscheidung setzt Fachkenntnisse
und rationales Denken voraus. Daran hat es bei der Gründung der
Schulverbünde leider gefehlt.
Kopfnoten hin - Kopfnoten her
Politiker versuchen sich auf Kosten des Bildungssystems zu profilieren
Als ich 1957 eingeschult wurde, erhielt ich ein Zeugnisheft für die
acht Jahre meiner gesamten Volksschulzeit. In dieses Heft wurden
alle Zeugnisse eingetragen und über die ganze Volkschulzeit hätte
sich an den Zeugnisformularen nichts geändert.
Heute erstellen wir in den Schulen unsere Zeugnisse in Eigenarbeit
mit dem Computer. Doch wenn man meint, dass dies praktischer wäre,
dann irrt man. Es ist so gut wie nie möglich, das Formular aus dem
letzten Schuljahr zu übernehmen. Jedes Jahr gibt es neue Formulare,
weil die Kommunalpolitiker etwas an den Schulen ändern (Namen,
Zusammenschluss mit anderen Schulen), weil an unserer Schule die
Schulleitung wechselte und weil die Landesregierung das
Bildungssystem „revolutioniert“, z. B. indem sie
·
Englisch als Fach ab Klasse 3 einführt,
·
die Schuleingangsphase einführt,
·
Englisch nun auch ab dem 2. Halbjahr im ersten Schuljahr einführt,
·
Kopfnoten einführt,
·
die Anzahl der Kopfnoten reduziert,
·
in Kürze Kopfnoten wieder abschafft,
·
Kopfnoten wahrscheinlich wieder einführt, wenn die
Minderheitsregierung im NRW-Landtag scheitern sollte.
Wie soll in den Schulen verlässlich gearbeitet werden, wenn eine
Schulreform oder eine Änderung die andere jagt. Die Schule braucht
auch eine gewisse Ruhe, damit sich etwas entwickeln kann. Doch ehe
es sicher ist, ob eine Reform gut oder schlecht war, wird schon die
nächste Reform gestartet. Jede politische Partei will zeigen, dass
sie die bessere Bildungspolitik macht und ändert das System ohne
Rücksicht auf die Verträglichkeit. Hauptsache wir zeigen, dass wir
besser sind und es anders machen. Ganz schlimm wird es mit der
Reform des dreigliedrigen Schulsystems, die uns jetzt bevorstgeht.
Wird es in Zukunft noch
Hauptschulen geben? Bleibt die Realschule bestehen? Wenn es hier das
gleiche Hin und Her oder ein gleich großes Durcheinander gibt, ist
die Leistungsfähigkeit unseres Bildungssystems äußerst gefährdet.
Die Misere unseres Bildungssystems wird von vielen Seiten beklagt.
Es darf nicht sein, dass sich Politiker auf Kosten unseres
Bildungssystems profilieren wollen. Wir wünschen uns durchdachte und
diskutierte Vorgaben, nach denen wir über längere Zeit verlässlich
arbeiten können, alles andere setzt die Qualität unseres
Bildungssystems aufs Spiel. So wie es die Regierungen zur Zeit
machen, macht man keine gute Schule.
Die Politiker lassen die Qualität der Schulen überprüfen, angeblich
um die Qualität zu steigern. Aber die Schulen können nicht besser
sein, als es das System zulässt. Wir sollten auch einmal die
Qualität unserer Bildungspolitiker überprüfen.
(Juli 2010)
Lärmempfindliche Lehrer sind ungeeignet
Im März nahm ich an
einer Personalräte-Konferenz teil. Bei dieser Veranstaltung
referierte ein Vertreter des Schulministeriums über das Thema „Neue
Lehrerausbildung“ und gab dabei Informationen zum bevorstehenden
Eignungspraktikum, das ab jetzt jeder angehende Lehrer durchlaufen
muss, ehe er seinen Vorbereitungsdienst aufnimmt.
In diesem Eignungspraktikum soll festgestellt werden, ob der
angehende Lehrer für den Beruf geeignet ist oder ob man ihm besser
davon abrät. Und dann zählte er einige Punkte auf, warum man nicht
für den Beruf geeignet sein könnte.
Dabei wurde dann auch der Punkt genannt: „Wenn man zum Beispiel
lärmempfindlich ist.“
Das finde ich als Lehrer der „alten Generation“ sehr
bemerkenswert. Ich hätte den
Wunsch, die Pädagogik würde überlegen, was man gegen den Lärm in der
Schule unternimmt. Das ist meiner Meinung nach ein wichtiger Beitrag
zur Erziehung der Kinder. Mit Befremden stelle ich fest, dass im
Schulministerium die Meinung vertreten wird, es ist sinnvoller
lärmempfindliche Lehramtsaspiranten auszusortieren. Was erwarten wir
eigentlich noch von unseren Kindern?
(März 2010)
Schule ohne Lehrer
Die Kleine Anfrage der Abgeordneten S. Baer (Die Grünen) vom
30.04.09:
http://www.landtag.nrw.de/portal/WWW/dokumentenarchiv/Dokument/MMD14-9329.pdf
Für die, die nicht die ganze Anfrage und die Antwort der Regierung
lesen möchten, hier ein Zitat aus der Frage:
Das Magazin ZEIT CAMPUS berichtet in seiner aktuellen Ausgabe unter
dem Titel „Trau keinem Pauker unter 30!“ von einer 22-jährigen
Studentin, die an einem Bonner Gymnasium Französisch unterrichtet
"Sie benotet Klassenarbeiten, trägt Zuspätkommer und notorische
Schwätzer ins Klassenbuch ein und entscheidet in der Lehrerkonferenz
über Versetzungen." Da Lehrkräfte knapp seien, würden immer öfter
Studierende als Vertretungslehrer eingestellt: "Gedacht ist das als
Zwischenlösung, doch oft werden die Stellen auf ein ganzes Schuljahr
ausgeweitet." Die Entscheidung, wer als Lehrkraft tätig sein darf,
würde - laut ZEIT CAMPUS - "eher lasch gehandhabt", weder
Pädagogikscheine noch eine Mindestsemesterzahl seien eine
Grundbedingung. Die Entscheidung würde von der Schulleitung
getroffen und von der Bezirksregierung abgesegnet - "eine Formalie,
Hauptsache der Unterricht fällt nicht aus".
Dies beobachten Sie sicher auch schon auf dem Lehrerarbeitsmarkt:
Vertretungskräfte für ausfallende Lehrer sind kaum noch zu bekommen.
Von einer Marsberger Schule hörte ich vor kurzem, dass sie eine
Vertretungskraft nur deshalb bekommen konnte, weil sie diese auf dem
Arolser Viehmarkt gefunden hatte. Die Lehrerkollegien sind
überaltert, das bessert sich gerade etwas, weil die
Pensionierungswelle anrollt. Aber für die Ausscheidenden ist kein
Ersatz auf dem Arbeitsmarkt vorhanden. Das Ministerium gibt
Millionen für eine Image-Kampagne für den Lehrerberuf aus und wirbt
an Gymnasium bei den Schülern für den Lehrerberuf. Wir Lehrer raten
jungen Leuten eher davon ab. „Trotz unseres Rates, ließ sich meine
Tochtger nicht davon abbringen Pädagogik zu studieren“, klagte mir
kürzlich eine Kollegin. Seiteneinsteiger werden immer mehr
eingestellt. Es genügt schon Physiker, Chemiker, Ingenieur oder
Ökotrophologe zu sein, um in den Schuldienst zu gelangen. Wie ich
hörte, bewarb sich an einer Schule eine Frau ohne 1. Staatsexamen.
Sie wollte morgens in der Schule arbeiten und mittags studieren.
Wenn sich dieser Trend fortsetzt, werden bald Hilfskräfte in Schulen
angestellt, die keinerlei pädagogische, Ausbildeung, Erfahrung oder
Geschick besitzen. Gefördert wird dies dadurch, dass ab 2012 alle
Schulen eigenverantwortlich also selbstständig sind. Dann
entscheiden die Schulleiter über die Einstellungen. Wird die
Schulleitung dann die Stelle unbesetzt lassen oder wird sie die
Kraft einstellen, die noch auf dem Arbeitsmarkt zu finden ist, nur
weil sie besser als gar nichts ist?
Und wer ist dann für diese Missstände verantwortlich? Die
Schulleitung, die unqualifiziertes Personal einstellt? Oder das
Land, das aufgrund verfehlter Sparpolitik keine ausgebildeten Lehrer
bereitstellt?
Auf jeden Fall ist die Entlassung der Schulen in die
Selbstständigkeit ein raffinierter politischer Trick. So kann die
Regierung die Verantwortung für die von ihr verursachten Missstände
immer auf die Schulen schieben.
Ich wage vorauszusagen. Die Qualität in unseren Schulen wird sich
trotz Qualitätsanalysen und Qualitätsmanagement, trotz pädagogischer
Reformen wie Eingangsstufe, Kompetenzteams, Gemeinsamer Unterricht,
Inklusion, individueller Förderung (die Aufzählung ließe sich
fortsetzen), trotz an die Schulen verliehener Ehrentiteln, Prämien,
neuen Schildern neben den Schuleingangstüren, Flaggen vor den
Schulen - und was es sonst jetzt alles gibt - nicht verbessern.
Obst für alle Schüler
Kurz vor den Sommerferien meldete die Presse, dass die
Europäische Union 20 Mill. € zur Verfügung stellen will, damit die
deutschen Schüler in der Schule mit Obst versorgt werden können.
Richtig erkannt hat man, dass ein großer Teil der Eltern nicht für
die richtige Ernährung ihrer Kinder sorgt und dass die Kinder in der
Schule etwas über gesunde und schmackhafte Ernährung lernen könnten.
Allerdings stellte die EU die Bedingung, dass die Bundesrepublik
zusätzlich 12,5 Mill. € zu diesem Projekt dazu geben sollte,
andernfalls würden die Gelder verfallen. Obwohl
gerade Vorwahlkampf für die Bundestagswahl ist, war den
Vertretern der Länder im Bundesrat diese Ausgabe zu hoch. Da sieht
man, wie viel den Politikern unsere Kinder und deren Bildung wert
sind.
32,5 Millionen, das klingt nach viel Geld. Doch dann habe ich mal
nachgerechnet, was man mit dem Geld eigentlich machen könnte. Im
Schuljahr 2007/08 gab es in Deutschland 9,2 Mill. Schüler. Das
heißt, pro Schüler ständen im Jahr 3,53 € zur Verfügung, das wären
pro Monat und Schüler 29 Cent. Dafür hatte jeder Schüler nicht
einmal zwei Äpfel pro Monat bekommen. Da sieht man, was der EU
unsere Kinder wert sind.
Natürlich kann man sagen, dafür sind die Eltern verantwortlich, doch
sollten dem Staat die Bildung, Erziehung und Ernährung unserer
Kinder nicht mehr wert sein? Um Bildung und Schule voran zu bringen,
muss man ganz andere Beträge zur Verfügung stellen. Nehmen wir an,
wir benötigen Pro Schüler 55 Cent pro
Tag, um ihn mit frischen Obst zu versorgen, dann sind das bei 40
Unterrichtswochen mit je 5 Schultagen 110 € pro Schüler und Jahr.
Das macht im Jahr an Gesamtkosten etwas mehr als 1 Milliarden €. Wer
für eine Maßnahme, die die ganze Bundesrepublik betrifft, nur einen
zweistelligen Millionenbetrag zur Verfügung stellt, von dem kann man
nicht glauben, dass er es wirklich ernst meint.
Andererseits: Wenn ich mir vorstelle,
mit welchem Verwaltungsaufwand das Geld verteilt worden wäre, zuerst
an die Bundesrepublik, dann Länder, dann die Kreise, dann die
Städte. Jeder hätte einen Verteilungsschlüssel entworfen, alles
hätte genau dokumentiert werden müssen. Die Städte hätten das Geld
an die Schulen verteilen müssen. Die Schulkonferenzen hätten
beraten, wie das Geld am effektivsten einzusetzen wäre.
Wahrscheinlich wären dann die Schulleiter oder Lehrer losgezogen, um
Obst einzukaufen. Vielleicht hätten wir auch bei den Schülern noch
eine Eigenbeteiligung einsammeln müssen oder man hätte die Gelder
für schwerpunktartige, projektartige Maßnahmen eingesetzt, die
hätten wir dann auch noch organisieren müssen. Das alles für 29 Cent
pro Schüler. Da können wir ja fast schon froh sein, wenn die EU ihr
Geld behalten darf.
Nachtrag (Juni 2010): Wie erst es den Politikern mit dem Wohl um
die Schüler ist, zeigt die Weiterentwicklung des Projektes. Im April
dieses Jahres hat die
Europäische
Union das Schulobstgeld halbiert. Ab dem Schuljahr 2010/11 gibt es
statt 20 nur noch 10 Millionen Euro. Die Begründung. Es nehmen nur
noch sieben Bundesländer daran teil. Die anderen Bundesländer hätten
nicht mehr das Geld, ihren Anteil dazu zu bezahlen oder würde n
aufgrund der hohen Verwaltungskosten auf das Programm verzichten.
Das Ende der Aktion schein absehbar.
(Juni 2009)
Wem nutzen
Schulverbunde?
Weil die
Schülerzahlen zurückgingen und Schulen immer kleiner wurden, wurden
vor eineinhalb Jahren in NRW
Schulen zu Verbunden zusammengeschlossen. Auch ich bin an solch
einer Verbundschule tätig, habe jetzt lange Zeit das Arbeiten und
die Schwierigkeiten im Verbund beobachtet und komme nun dazu die
Vor- und Nachteile von Schulverbunden abzuwägen.
Nutzen sie
den Eltern?
Was wollen die
Eltern? Die Eltern wollen, dass die Schule in ihrem Ortsteil
erhalten bleibt, damit sie guten Kontakt zur Schule und die Kinder
einen kurzen Schulweg haben und nicht mit dem Bus fahren müssen.
Allerdings sind auch im Schulverbund in kaum einem Ortsteil so viele
Kinder vorhanden, dass man damit eine Klasse bilden könnte. D. h. es
müssen Kinder in die Nachbardörfer gefahren werden, um dort eine
ganze Klasse zu bilden. Ergebnis ist: Die Schule im Ortsteil bleibt
erhalten, aber die Kinder einzelner Jahrgänge werden in den
Nachbarortsteil gefahren. Die Garantie, die Schule im Ortsteil zu
besuchen hat niemand. Das war von den Eltern nicht gewollt und nutzt
ihnen auch nichts. Für Eltern ist jetzt nicht mehr vorhersehbar, in
welchem Ortsteil welcher Jahrgang eingeschult wird. Aber genau das
haben die Eltern nicht gewollt.
Nachdem die
Schulbezirke aufgelöst worden sind, können Eltern wählen, an welcher
Schule sie ihr Kind anmelden. Wo es Schulverbunde gibt können sie
jetzt nur noch zwischen Verbunden wählen und Schulleitungen müssen
aufgrund der Schülerzahlen und der Schülerverteilung entscheiden,
welchen Schulstandort des Verbundes die Schüler besuchen. Die
Wahlmöglichkeiten für die Eltern sind also geringer geworden..
Nutzen sie
den Schülern?
Die Schüler
merken eigentlich am wenigsten von der Verbundproblematik. Natürlich
möchten sie gerne in ihrem Wohnort eingeschult werden, aber wenn sie
an einem anderen Standort eingeschult werden. Die Schulen
immer kleiner werden, weil Schülerzahlen zurückgehen, Die Städte
erhalten die kleinen Schulen. So gibt es schon Schulen, für die
weniger als 10 Schülern pro Klasse da sind, diese müssen dann mit
Schülern aufgefüllt werden, die eigentlich in ihren
Heimat-Schulstandort gehen könnten. Ungeachtet dessen fühlen sich
die Schüler auch im Nachbarort nach einiger Zeit wohl und würden
auch gerne bleiben. Ärgerlich wird es aber für die Schüler, wenn sie
während der Schulzeit den Schulstandort wechseln müssen, und dieser
Fall ist nicht auszuschließen, wenn die Schulleitung dafür sorgen
muss, dass nicht ein Schulstandort zu wenig oder zu viele Klassen
hat. Besser wäre es auf jeden Fall für Grundschüler. Sie besuchen
die Schule in ihrem Ortsteil und bleiben während ihrer Schulzeit an
einem Schulstandort.
Nutzen sie
den Lehrern?
Für die Lehrer
wird der Arbeitseinsatz schwerer. Wenn ein Lehrer 28 Pflichtstunden
unterrichtet, wird es im Stundenplan kaum möglich sein, ihn mit
allen Stunden an einem Schulstandort einzusetzen. Die Lehrer müssen
zwischen den Schulen pendeln. Es ergeben sich Probleme mit
Anfangszeiten, Pausenzeiten, Aufsichten, und den Fahrzeiten, die zum
normalen Dienst dazukommen. Es gibt kein Kollegium mehr, das sich im
Lehrerzimmer eines Schulstandortes trifft, mal ist der eine hier,
mal ist der andere dort. Es mangelt an Gelegenheiten mit den
Kollegen Besprechungen zu führen. Andererseits kann es vorkommen,
dass Kollegen die parallele Klassen führen sich nie während der
Unterrichtswoche sehen, sondern sich nur in den Gesamtkonferenzen
begegnen. Das einheitliches Arbeiten wird dadurch mehr als
erschwert. Auch für die Lehrer ist es also nicht besser geworden.
Nutzen Sie
den Schulträgern?
Die
Alternative zum Schulverbund wäre die Zusammenlegung der
Einzelschulen zu einer Schule an einem Standort. Der Vorteil für die
Stadt wäre, sie hätte nur noch ein Gebäude zu unterhalten und nur
noch eine Schule mit Materialien und Personal auszustatten. Die
Stadt könnte sparen: mehrere Lehrerzimmer mit Ausstattungen, mehrere
Schulleiterzimmer mit allen technischen Einrichtungen ,mehrere
Schulküchen mit ihrer gesamten Ausstattung (Herde, Kühlschränke,
Küchenschränke, Geschirr...), mehrere Betreuungsräume mit allem
Zubehör, vielfältige Arbeitsmittel, Medien und technische Geräte.
Einer Stadt die sich das alles mehrfach leistet, obwohl es nur
einmal gebraucht würde, muss es finanziell sehr gut gehen. Auch wenn
etwas mehr an Beförderungskosten nötig wäre, insgesamt ließe sich
dabei viel einsparen, falls ein genügend großes Schulgebäude für den
Zusammenschluss vorhanden wäre (einen Neubau schließen wir aus, da
irgendwann einer der Schulstandorte alle Schüler aufnehmen kann).
Die Folgen des Verbundes für den Schulträger sind höhere Kosten, die
nicht nötig wären.
Nutzen sie
den Politikern im Stadtrat?
Immer wenn in
einem Ortsteil eine Schule geschlossen werden soll, gibt es einen
Aufschrei seitens der Bewohner. „Die Schule muss im Dorf bleiben!“
Das ist wichtig für die Identität eines Ortes. Gegenstimmen werden
nicht laut. Wie soll sich da ein Kommunalpolitiker verhalten. Wenn
er vorrechnet, wie viel Geld sich durch die Schulschließung sparen
ließe, würde er alle Sympathien verlieren und seine Wiederwahl
gefährden. Es ist in keinem der betroffenen Orte ein
Kommunalpolitiker zu finden, der sich für die Schulschließung
ausspricht, und wenn schon eine funktionsfähige Schule im Ort nicht
zu erhalten ist, dann muss wenigstens der Teilstandort eines
Verbundes vorhanden sein, egal wie teuer und egal
welche Nachteile und Schwierigkeiten damit verbunden sind.
Obwohl der Erhalt der Teilstandorte nicht dem Bürgerwohl dient,
verhalten sich die Politiker im Sinne des Bürgers, verkaufen ihre
Maßnahmen als bürgerfreundlich und versuchen, sich damit ihre
Wählerstimmen zu sichern. Für die Probleme, die in den Schulen
auftauchen, fühlen sie sich nicht verantwortlich. Für die
Problemlösungen sind die Schulleitungen da, die vor eine unlösbare
Aufgabe gestellt werden und die Schuld übernehmen müssen, wenn’s
nicht läuft.
Nutzen sie
dem Land NRW?
Kleine Schulen
brauchen mehr Lehrer als große Schulen. Je größer die Schülerzahl
ist, umso besser lassen sich Klassen bilden, die die maximale
mögliche Schülerzahl erreichen. Wenn an einer Schule wenige Schüler
sind, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass mann zwei Klassen mit
weniger als 20 Schülern bilden kann. Bei einzügigen Schulen ist die
Klassenstärke immer unter 30 (sonst gäbe es zwei kleine Klassen) und
kann bis auf 15 herabsinken. Je kleiner die Klassen also sind und je
mehr Klassen eine Schule hat, umso mehr Lehrer werden gebraucht,
weil ja jede Klasse eine bestimmte Anzahl von Lehrerstunden braucht.
Wenn man landesweit dafür sorgt, dass es die kleinen Klassen an
kleinen Schulen nicht mehr gibt, lässt sich eine nicht unerhebliche
Zahler Lehrerstellen einsparen. Darin sehen wir das Hauptinteresse
des Landes, Schulverbunde zu bilden. Ein Verbund mit mehreren
Standorten hat kleine Schulen wird aber stellenmäßig besetzt wir
eine große Schule, da sich mit höheren Schülerzahlen leichter große
Klassen bilden lassen. Während kleine Einzelschulen immer unbedingt
zusätzliche Lehrerstunden bekommen mussten, erhalten Schulverbunde
genau eine Lehrerstelle für 25 Schüler. Die Verteilung der Schüler
auf die Lehrer bleibt das Problem des Verbundes. Das Land spart
Lehrerstellen ein und dies dürfte das Hauptanliegen für die Gründung
von Schulverbunden gewesen sein, wenn man davon absieht, dass sie
auch ein wichtiger Schritt in Richtung Zusammenlegung der kleinen
Einzelschulen sind.
Fazit
Der Nutzen der
Schulverbunde liegt also in erster Linie für Einsparungen beim Land.
Wahrscheinlich freuen sich auch noch einige Kommunalpolitiker, dass
sie die unbeliebten Maßnahmen von Schulschließungen noch etwas
hinausschieben können. Die Eltern, Schüler und Lehrer ziehen daraus
keine Vorteile. Für das Lernen und die Qualität der Bildung bringt
der Schulverbund keine Verbesserung, vielmehr erschwert er das
Arbeiten und die Qualität der Einzelschulen kann nicht gehalten
werden.
Für die
Nachteile, die wir durch Schulverbunde haben, ist das Land
verantwortlich. Allerdings stellt das Schulministerium es anders da.
Das Ministerium behauptet, die Schulen haben alle
Organisationsfreiheit und könnten die Abläufe so optimal gestalten,
dass alles besser würde. Doch die Schulleitung kann nicht das
Unmögliche möglich machen. Sie muss allerdings für alles, was jetzt
nicht laufen kann, die Verantwortung übernehmen.
Das nenne ich
kluge Politik. Die Politiker schaffen „Drei auf einen Streich“: sie
sparen Geld, sie verkünden Verbesserungen und sie machen andere für
die entstehenden Missstände verantwortlich.
Damit passen
Schulverbunde in eine Reihe von Reformen, die alle diesen genialen
Dreierstreich gemeinsam haben: die integrierte Eingangstufe, die
Lernstudios, die selbstständige Schule, die Qualitätsoffensive
Hauptschule, der Gemeinsame Unterricht und wahrscheinlich noch mehr.
Keine Eingangsklasse über 30
„NRW stoppt große Klassen - Neuer Erlass: Gruppenstärke darf 30
Schüler nicht überschreiten“. Das waren die Schlagzeilen, die ich
vor kurzem in der Tageszeitung fand. Damit hatte ich nicht
gerechnet, das klang doch wirklich sehr gut. Als ich den Artikel
las, wurden meine Erwartungen aber schon korrigiert, der neue Erlass
gilt nur für Eingangsklassen in Grundschulen. Und als ich dann
weiter über die Tragweite der neuen Regelung nachdachte, fand ich,
dass noch weniger dahinter steckt, als der Erlass formuliert.
Was ändert sich eigentlich durch den Erlass? Dazu stelle ich
folgende Überlegungen an:
Ich gehe bei meinen Überlegungen einmal von einer Schule mit
folgenden Schülerzahlen aus: In den Klassen 2 bis 4 sind jeweils 50
Kinder, sodass je zwei Klassen gebildet werden und fürs nächste
erste Schuljahr sind 30 Kinder angemeldet. Damit hätte die Schule 7
Klassen und zur Erteilung des Unterrichtes wären ca. sieben
Lehrerstellen nötig.
Wenn ich der Schulleiter dieser Schule wäre, würde ich mir zur
Stundenplangestaltung folgendes überlegen. 30 Kinder im ersten
Schuljahr sind zu viele, um erfolgreichen Anfangsunterricht im
Lesen, Schreiben und Rechnen zu machen. Wenn ich jeder der Klassen 2
bis 4 eine Förderstunde und eine Sportstunde kürze, wird die
Qualität der Lehre in diesen Klassen nicht wesentlich schlechter,
wahrscheinlich wird man gar nichts davon merken. Mit diesen 12
Lehrerstunden könnte ich im ersten Schuljahr den Deutsch- und
Mathematikunterricht doppelt besetzen. Diese beiden Fächer würden
dann im ersten Schuljahr in 15-er Gruppen unterrichtet. Der Gewinn,
den ich damit habe, scheint mir die kleine Kürzung in den anderen
Klassen wert. Das ist zwar nicht ideal, aber im Rahmen der
bestehenden Möglichkeiten noch die beste Lösung.
Nun ändern sich aber die Voraussetzungen: der 31. Schüler wird fürs
erste Schuljahr angemeldet.
Als Schulleiter überlege ich neu: Ich muss zwei Klassen bilden, also
teile ich die Klasse 1 in die Klassen 1 a und 1 b. Jetzt brauche ich
ein paar zusätzliche Lehrerstunden, um in den beiden Klassen den
Unterricht erteilen zu können. Leider sieht aber der Erlass nicht
vor, dass ich die nötigen, zusätzlichen Lehrerstunden zugewiesen
bekomme. Deshalb lasse ich den Deutsch- und Mathematikunterricht von
den Klassenlehrern der 1 a und 1 b in ihren Klassen erteilen.
Aufgrund fehlender Lehrerstunden lege ich die beiden Klassen aber in
allen anderen Fächern zu einer gemeinsamen Lerngruppe zusammen. Das
ist zwar nicht ideal, aber im Rahmen der bestehenden Möglichkeiten
noch die beste Lösung.
Was hat sich durch den neuen Erlass geändert? Nichts! Der Erlass ist
deshalb wertlos, weil es bei der Klassenteilung nicht die dafür
notwendigen Lehrerstunden gibt.
Liebe Frau Sommer! Das war wirklich eine geniale Maßnahme. Die
Gewerkschaften jubeln und feiern es als Erfolg auf ihr Drängen, dass
endlich die Klassen verkleinert werden. Dem Land kostet diese
Maßnahme keinen einzigen Cent, weil keine Lehrerstelle mehr benötigt
wird. Die Öffentlichkeit hat den Eindruck, die Regierung erkennt die
Probleme und tut etwas dagegen. Das nenne ich kluge Bildungspolitik:
Gewerkschaften, Eltern, Lehrer werden „verar...“, keiner merkt etwas
davon und alle sind zufrieden. Sie sind auf dem richtigen Weg. Das
sichert Ihren nächsten Wahlerfolg, nicht aber Erfolg bei der
Verbesserung des Bildungssystems. Weiter so? Nein, bitte nicht!
Liebe Leser! Vielleicht bin ich gegenüber dem Schulministerium
voreingenommen, sehe diesen Fall doch aus der falschen Perspektive
und erkenne die Vorteile und Verbesserungen nicht. Sollte sich an
Ihrer Schule durch den neuen Erlass tatsächlich etwas verbessert
haben, bitte geben Sie mir eine Nachricht. Ich würde mich freuen,
wenn eine solche Nachricht käme, aber ich rechne nicht damit.
Trinken im Unterricht
Vor einiger Zeit fand ich in der
„Erziehung und Wissenschaft“ einen Artikel, der sich damit
beschäftigte, dass Schüler im Unterricht zu wenig trinken. Diese
Tatsache erregte meine Aufmerksamkeit und mit Staunen las ich den
Artikel genauer, wobei ich feststellte, dass es sich nicht um einen
redaktionellen Beitrag, sondern um eine Anzeige handelte. Eine
Inhaltsangabe der Anzeige kann
ich
mir hier ersparen, denn es wurde auch auf eine Internetseite
verwiesen, die das Problem ausführlich darstellt:
www.trinken-im-unterricht.de. Sehen
Sie selbst nach!
Diese Internetseite hat mich stark beeindruckt, da wird mit
allen Mitteln (Pilotprojekten, wissenschaftlichen Untersuchungen,
Tipps, Informationsmaterial, Unterrichtseinheiten, Arbeitsblätter,
Film für den Unterricht, Lehrerfortbildung, Presse- und
Hörfunkbeiträgen, namhaften Schirmherren) versucht, deutlich zu
machen, dass Schüler während des Unterrichtes trinken
sollten/müssen/dürfen, da sonst ihre Leistungsfähigkeiten
eingeschränkt sein könnten.
Das sieht auf der Internetseite alles sehr überzeugend aus,
trotzdem wollte ich die Botschaft nicht so recht glauben. Dann
entdeckte ich aber im Impressum, wer hinter dieser Aktion steht: der
Verband Deutscher Mineralbrunnen e.V. Damit erklärt sich dann auch,
dass sie Schüler nicht etwas Milch (kein Getränk sondern
Lebensmittel) oder Leitungswasser (die Reinheit ist nicht
garantiert), sondern nur Mineralwasser trinken sollen.
Ich habe meine Zweifel daran, dass die Leistung der Schüler
dadurch zu steigern ist, dass ich das Trinken im Unterricht erlaube,
viel weniger glaube ich, dass durch ein Trinkverbot während des
Unterrichtes die Gesundheit der Kinder gefährdet ist. Das sind die
Charakteristika aller pädagogischen Diskussionen: immer lassen sich
gute Argumente für und gegen einen Standpunkt finden, was endlich
richtig ist, lässt sich nicht klar entscheiden und nach hinreichend
langer Zeit sind wieder ganz andere Wahrheiten gültig.
Deshalb sollten wir als Lehrer kritisch sein gegenüber allen
Versuchen, uns in irgendeiner Weise zu beeinflussen. Wir sollten
selbst erkennen, was für unseren Unterricht gut und nötig ist.
Unterstützung seitens der Wirtschaft sollten wir immer einen
gewissen Anteil an Eigennutz unterstellen.
Ich werde auch weiterhin meinen Schülern im Unterricht das
Trinken nicht erlauben. Auch wenn es vielleicht nur wenig stört und
den Unterricht kaum behindert. Aber ich halte es für auch für nötig,
dass Kindern lernen, dass es Regeln gibt, die das Arbeiten und den
Umgang miteinander erleichtern und dass sie sich in der Einhaltung
der Regeln üben. Es ließen sich nämlich auch Argumente finden, warum
man den Schülern das Essen (Hunger hemmt beim Lernen), den
Toilettengang (die drückende Blase erschwert die Konzentration), das
Kaugummi kauen (soll gut für die Zähne sein) oder das Mützen tragen
(der warme Kopf arbeitet besser) erlauben sollte.
Und wenn ich fest stelle, dass die meisten Kinder heute zu
Hause nicht lernen, Regeln einzuhalten, dann ist dies in der Schule
um so nötiger. Und dazu gehört es auch zu lernen und zu befolgen,
dass für manche Verrichtungen die Pausen da sind. Nicht alles, was
zum Wohl des Kindes zu sein scheint, ist auch wirklich zum Wohl des
Kindes, auch nicht das Trinken im Unterricht.
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letzte Änderung am 09.04.2011