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Kopfnoten hin - Kopfnoten her

Politiker versuchen sich auf Kosten des Bildungssystems zu profilieren

Als ich 1957 eingeschult wurde, erhielt ich ein Zeugnisheft für die acht Jahre meiner gesamten Volksschulzeit. In dieses Heft wurden alle Zeugnisse eingetragen und über die ganze Volkschulzeit hätte sich an den Zeugnisformularen nichts geändert.

Heute erstellen wir in den Schulen unsere Zeugnisse in Eigenarbeit mit dem Computer. Doch wenn man meint, dass dies praktischer wäre, dann irrt man. Es ist so gut wie nie möglich, das Formular aus dem letzten Schuljahr zu übernehmen. Jedes Jahr gibt es neue Formulare, weil die Kommunalpolitiker etwas an den Schulen ändern (Namen, Zusammenschluss mit anderen Schulen), weil an unserer Schule die Schulleitung wechselte und weil die Landesregierung das Bildungssystem „revolutioniert“, z. B. indem sie

·         Englisch als Fach ab Klasse 3 einführt,

·         die Schuleingangsphase einführt,

·         Englisch nun auch ab dem 2. Halbjahr im ersten Schuljahr einführt,

·         Kopfnoten einführt,

·         die Anzahl der Kopfnoten reduziert,

·         in Kürze Kopfnoten wieder abschafft,

·         Kopfnoten wahrscheinlich wieder einführt, wenn die Minderheitsregierung im NRW-Landtag scheitern sollte.

Wie soll in den Schulen verlässlich gearbeitet werden, wenn eine Schulreform oder eine Änderung die andere jagt. Die Schule braucht auch eine gewisse Ruhe, damit sich etwas entwickeln kann. Doch ehe es sicher ist, ob eine Reform gut oder schlecht war, wird schon die nächste Reform gestartet. Jede politische Partei will zeigen, dass sie die bessere Bildungspolitik macht und ändert das System ohne Rücksicht auf die Verträglichkeit. Hauptsache wir zeigen, dass wir besser sind und es anders machen. Ganz schlimm wird es mit der Reform des dreigliedrigen Schulsystems, die uns jetzt bevorstgeht.  Wird es in Zukunft noch Hauptschulen geben? Bleibt die Realschule bestehen? Wenn es hier das gleiche Hin und Her oder ein gleich großes Durcheinander gibt, ist die Leistungsfähigkeit unseres Bildungssystems äußerst gefährdet.

Die Misere unseres Bildungssystems wird von vielen Seiten beklagt. Es darf nicht sein, dass sich Politiker auf Kosten unseres Bildungssystems profilieren wollen. Wir wünschen uns durchdachte und diskutierte Vorgaben, nach denen wir über längere Zeit verlässlich arbeiten können, alles andere setzt die Qualität unseres Bildungssystems aufs Spiel. So wie es die Regierungen zur Zeit machen, macht man keine gute Schule.

Die Politiker lassen die Qualität der Schulen überprüfen, angeblich um die Qualität zu steigern. Aber die Schulen können nicht besser sein, als es das System zulässt. Wir sollten auch einmal die Qualität unserer Bildungspolitiker überprüfen.

(Juli 2010)

 

 

 

Lärmempfindliche Lehrer sind ungeeignet

Im  März nahm ich an einer Personalräte-Konferenz teil. Bei dieser Veranstaltung referierte ein Vertreter des Schulministeriums über das Thema „Neue Lehrerausbildung“ und gab dabei Informationen zum bevorstehenden Eignungspraktikum, das ab jetzt jeder angehende Lehrer durchlaufen muss, ehe er seinen Vorbereitungsdienst aufnimmt.

In diesem Eignungspraktikum soll festgestellt werden, ob der angehende Lehrer für den Beruf geeignet ist oder ob man ihm besser davon abrät. Und dann zählte er einige Punkte auf, warum man nicht für den Beruf geeignet sein könnte.

Dabei wurde dann auch der Punkt genannt: „Wenn man zum Beispiel lärmempfindlich ist.“

Das finde ich als Lehrer der „alten Generation“ sehr  bemerkenswert. Ich hätte den Wunsch, die Pädagogik würde überlegen, was man gegen den Lärm in der Schule unternimmt. Das ist meiner Meinung nach ein wichtiger Beitrag zur Erziehung der Kinder. Mit Befremden stelle ich fest, dass im Schulministerium die Meinung vertreten wird, es ist sinnvoller lärmempfindliche Lehramtsaspiranten auszusortieren. Was erwarten wir eigentlich noch von unseren Kindern?

(März 2010)

 

 

 

Schule ohne Lehrer

Die Kleine Anfrage der Abgeordneten S. Baer (Die Grünen) vom 30.04.09:

http://www.landtag.nrw.de/portal/WWW/dokumentenarchiv/Dokument/MMD14-9329.pdf

Für die, die nicht die ganze Anfrage und die Antwort der Regierung lesen möchten, hier ein Zitat aus der Frage:

Das Magazin ZEIT CAMPUS berichtet in seiner aktuellen Ausgabe unter dem Titel „Trau keinem Pauker unter 30!“ von einer 22-jährigen Studentin, die an einem Bonner Gymnasium Französisch unterrichtet "Sie benotet Klassenarbeiten, trägt Zuspätkommer und notorische Schwätzer ins Klassenbuch ein und entscheidet in der Lehrerkonferenz über Versetzungen." Da Lehrkräfte knapp seien, würden immer öfter Studierende als Vertretungslehrer eingestellt: "Gedacht ist das als Zwischenlösung, doch oft werden die Stellen auf ein ganzes Schuljahr ausgeweitet." Die Entscheidung, wer als Lehrkraft tätig sein darf, würde - laut ZEIT CAMPUS - "eher lasch gehandhabt", weder Pädagogikscheine noch eine Mindestsemesterzahl seien eine Grundbedingung. Die Entscheidung würde von der Schulleitung getroffen und von der Bezirksregierung abgesegnet - "eine Formalie, Hauptsache der Unterricht fällt nicht aus".

Dies beobachten Sie sicher auch schon auf dem Lehrerarbeitsmarkt:

Vertretungskräfte für ausfallende Lehrer sind kaum noch zu bekommen. Von einer Marsberger Schule hörte ich vor kurzem, dass sie eine Vertretungskraft nur deshalb bekommen konnte, weil sie diese auf dem Arolser Viehmarkt gefunden hatte. Die Lehrerkollegien sind überaltert, das bessert sich gerade etwas, weil die Pensionierungswelle anrollt. Aber für die Ausscheidenden ist kein Ersatz auf dem Arbeitsmarkt vorhanden. Das Ministerium gibt Millionen für eine Image-Kampagne für den Lehrerberuf aus und wirbt an Gymnasium bei den Schülern für den Lehrerberuf. Wir Lehrer raten jungen Leuten eher davon ab. „Trotz unseres Rates, ließ sich meine Tochtger nicht davon abbringen Pädagogik zu studieren“, klagte mir kürzlich eine Kollegin. Seiteneinsteiger werden immer mehr eingestellt. Es genügt schon Physiker, Chemiker, Ingenieur oder Ökotrophologe zu sein, um in den Schuldienst zu gelangen. Wie ich hörte, bewarb sich an einer Schule eine Frau ohne 1. Staatsexamen. Sie wollte morgens in der Schule arbeiten und mittags studieren.

Wenn sich dieser Trend fortsetzt, werden bald Hilfskräfte in Schulen angestellt, die keinerlei pädagogische, Ausbildeung, Erfahrung oder Geschick besitzen. Gefördert wird dies dadurch, dass ab 2012 alle Schulen eigenverantwortlich also selbstständig sind. Dann entscheiden die Schulleiter über die Einstellungen. Wird die Schulleitung dann die Stelle unbesetzt lassen oder wird sie die Kraft einstellen, die noch auf dem Arbeitsmarkt zu finden ist, nur weil sie besser als gar nichts ist?

Und wer ist dann für diese Missstände verantwortlich? Die Schulleitung, die unqualifiziertes Personal einstellt? Oder das Land, das aufgrund verfehlter Sparpolitik keine ausgebildeten Lehrer bereitstellt?

Auf jeden Fall ist die Entlassung der Schulen in die Selbstständigkeit ein raffinierter politischer Trick. So kann die Regierung die Verantwortung für die von ihr verursachten Missstände immer auf die Schulen schieben.

Ich wage vorauszusagen. Die Qualität in unseren Schulen wird sich trotz Qualitätsanalysen und Qualitätsmanagement, trotz pädagogischer Reformen wie Eingangsstufe, Kompetenzteams, Gemeinsamer Unterricht, Inklusion, individueller Förderung (die Aufzählung ließe sich fortsetzen), trotz an die Schulen verliehener Ehrentiteln, Prämien, neuen Schildern neben den Schuleingangstüren, Flaggen vor den Schulen - und was es sonst jetzt alles gibt - nicht verbessern.

(August 2009) 

 

 

 

Obst für alle Schüler

Kurz vor den Sommerferien meldete die Presse, dass die Europäische Union 20 Mill. € zur Verfügung stellen will, damit die deutschen Schüler in der Schule mit Obst versorgt werden können. Richtig erkannt hat man, dass ein großer Teil der Eltern nicht für die richtige Ernährung ihrer Kinder sorgt und dass die Kinder in der Schule etwas über gesunde und schmackhafte Ernährung lernen könnten. Allerdings stellte die EU die Bedingung, dass die Bundesrepublik zusätzlich 12,5 Mill. € zu diesem Projekt dazu geben sollte, andernfalls würden die Gelder verfallen. Obwohl gerade Vorwahlkampf für die Bundestagswahl ist, war den Vertretern der Länder im Bundesrat diese Ausgabe zu hoch. Da sieht man, wie viel den Politikern unsere Kinder und deren Bildung wert sind.

32,5 Millionen, das klingt nach viel Geld. Doch dann habe ich mal nachgerechnet, was man mit dem Geld eigentlich machen könnte. Im Schuljahr 2007/08 gab es in Deutschland 9,2 Mill. Schüler. Das heißt, pro Schüler ständen im Jahr 3,53 € zur Verfügung, das wären pro Monat und Schüler 29 Cent. Dafür hatte jeder Schüler nicht einmal zwei Äpfel pro Monat bekommen. Da sieht man, was der EU unsere Kinder wert sind.

Natürlich kann man sagen, dafür sind die Eltern verantwortlich, doch sollten dem Staat die Bildung, Erziehung und Ernährung unserer Kinder nicht mehr wert sein? Um Bildung und Schule voran zu bringen, muss man ganz andere Beträge zur Verfügung stellen. Nehmen wir an, wir benötigen Pro Schüler 55 Cent  pro Tag, um ihn mit frischen Obst zu versorgen, dann sind das bei 40 Unterrichtswochen mit je 5 Schultagen 110 € pro Schüler und Jahr. Das macht im Jahr an Gesamtkosten etwas mehr als 1 Milliarden €. Wer für eine Maßnahme, die die ganze Bundesrepublik betrifft, nur einen zweistelligen Millionenbetrag zur Verfügung stellt, von dem kann man nicht glauben, dass er es wirklich ernst meint.

Andererseits: Wenn ich mir vorstelle, mit welchem Verwaltungsaufwand das Geld verteilt worden wäre, zuerst an die Bundesrepublik, dann Länder, dann die Kreise, dann die Städte. Jeder hätte einen Verteilungsschlüssel entworfen, alles hätte genau dokumentiert werden müssen. Die Städte hätten das Geld an die Schulen verteilen müssen. Die Schulkonferenzen hätten beraten, wie das Geld am effektivsten einzusetzen wäre. Wahrscheinlich wären dann die Schulleiter oder Lehrer losgezogen, um Obst einzukaufen. Vielleicht hätten wir auch bei den Schülern noch eine Eigenbeteiligung einsammeln müssen oder man hätte die Gelder für schwerpunktartige, projektartige Maßnahmen eingesetzt, die hätten wir dann auch noch organisieren müssen. Das alles für 29 Cent pro Schüler. Da können wir ja fast schon froh sein, wenn die EU ihr Geld behalten darf.

Nachtrag (Juni 2010): Wie erst es den Politikern mit dem Wohl um die Schüler ist, zeigt die Weiterentwicklung des Projektes. Im April dieses Jahres hat die Europäische Union das Schulobstgeld halbiert. Ab dem Schuljahr 2010/11 gibt es statt 20 nur noch 10 Millionen Euro. Die Begründung. Es nehmen nur noch sieben Bundesländer daran teil. Die anderen Bundesländer hätten nicht mehr das Geld, ihren Anteil dazu zu bezahlen oder würde n aufgrund der hohen Verwaltungskosten auf das Programm verzichten. Das Ende der Aktion schein absehbar.

(Juni 2009)


Wem nutzen Schulverbunde?

Weil die Schülerzahlen zurückgingen und Schulen immer kleiner wurden, wurden vor eineinhalb  Jahren in NRW Schulen zu Verbunden zusammengeschlossen. Auch ich bin an solch einer Verbundschule tätig, habe jetzt lange Zeit das Arbeiten und die Schwierigkeiten im Verbund beobachtet und komme nun dazu die Vor- und Nachteile von Schulverbunden abzuwägen.

Nutzen sie den Eltern?

Was wollen die Eltern? Die Eltern wollen, dass die Schule in ihrem Ortsteil erhalten bleibt, damit sie guten Kontakt zur Schule und die Kinder einen kurzen Schulweg haben und nicht mit dem Bus fahren müssen. Allerdings sind auch im Schulverbund in kaum einem Ortsteil so viele Kinder vorhanden, dass man damit eine Klasse bilden könnte. D. h. es müssen Kinder in die Nachbardörfer gefahren werden, um dort eine ganze Klasse zu bilden. Ergebnis ist: Die Schule im Ortsteil bleibt erhalten, aber die Kinder einzelner Jahrgänge werden in den Nachbarortsteil gefahren. Die Garantie, die Schule im Ortsteil zu besuchen hat niemand. Das war von den Eltern nicht gewollt und nutzt ihnen auch nichts. Für Eltern ist jetzt nicht mehr vorhersehbar, in welchem Ortsteil welcher Jahrgang eingeschult wird. Aber genau das haben die Eltern nicht gewollt.

Nachdem die Schulbezirke aufgelöst worden sind, können Eltern wählen, an welcher Schule sie ihr Kind anmelden. Wo es Schulverbunde gibt können sie jetzt nur noch zwischen Verbunden wählen und Schulleitungen müssen aufgrund der Schülerzahlen und der Schülerverteilung entscheiden, welchen Schulstandort des Verbundes die Schüler besuchen. Die Wahlmöglichkeiten für die Eltern sind also geringer geworden..

Nutzen sie den Schülern?

Die Schüler merken eigentlich am wenigsten von der Verbundproblematik. Natürlich möchten sie gerne in ihrem Wohnort eingeschult werden, aber wenn sie  an einem anderen Standort eingeschult werden. Die Schulen immer kleiner werden, weil Schülerzahlen zurückgehen, Die Städte erhalten die kleinen Schulen. So gibt es schon Schulen, für die weniger als 10 Schülern pro Klasse da sind, diese müssen dann mit Schülern aufgefüllt werden, die eigentlich in ihren Heimat-Schulstandort gehen könnten. Ungeachtet dessen fühlen sich die Schüler auch im Nachbarort nach einiger Zeit wohl und würden auch gerne bleiben. Ärgerlich wird es aber für die Schüler, wenn sie während der Schulzeit den Schulstandort wechseln müssen, und dieser Fall ist nicht auszuschließen, wenn die Schulleitung dafür sorgen muss, dass nicht ein Schulstandort zu wenig oder zu viele Klassen hat. Besser wäre es auf jeden Fall für Grundschüler. Sie besuchen die Schule in ihrem Ortsteil und bleiben während ihrer Schulzeit an einem Schulstandort.

Nutzen sie den Lehrern?

Für die Lehrer wird der Arbeitseinsatz schwerer. Wenn ein Lehrer 28 Pflichtstunden unterrichtet, wird es im Stundenplan kaum möglich sein, ihn mit allen Stunden an einem Schulstandort einzusetzen. Die Lehrer müssen zwischen den Schulen pendeln. Es ergeben sich Probleme mit Anfangszeiten, Pausenzeiten, Aufsichten, und den Fahrzeiten, die zum normalen Dienst dazukommen. Es gibt kein Kollegium mehr, das sich im Lehrerzimmer eines Schulstandortes trifft, mal ist der eine hier, mal ist der andere dort. Es mangelt an Gelegenheiten mit den Kollegen Besprechungen zu führen. Andererseits kann es vorkommen, dass Kollegen die parallele Klassen führen sich nie während der Unterrichtswoche sehen, sondern sich nur in den Gesamtkonferenzen begegnen. Das einheitliches Arbeiten wird dadurch mehr als erschwert. Auch für die Lehrer ist es also nicht besser geworden.

Nutzen Sie den Schulträgern?

Die Alternative zum Schulverbund wäre die Zusammenlegung der Einzelschulen zu einer Schule an einem Standort. Der Vorteil für die Stadt wäre, sie hätte nur noch ein Gebäude zu unterhalten und nur noch eine Schule mit Materialien und Personal auszustatten. Die Stadt könnte sparen: mehrere Lehrerzimmer mit Ausstattungen, mehrere Schulleiterzimmer mit allen technischen Einrichtungen ,mehrere Schulküchen mit ihrer gesamten Ausstattung (Herde, Kühlschränke, Küchenschränke, Geschirr...), mehrere Betreuungsräume mit allem Zubehör, vielfältige Arbeitsmittel, Medien und technische Geräte. Einer Stadt die sich das alles mehrfach leistet, obwohl es nur einmal gebraucht würde, muss es finanziell sehr gut gehen. Auch wenn etwas mehr an Beförderungskosten nötig wäre, insgesamt ließe sich dabei viel einsparen, falls ein genügend großes Schulgebäude für den Zusammenschluss vorhanden wäre (einen Neubau schließen wir aus, da irgendwann einer der Schulstandorte alle Schüler aufnehmen kann). Die Folgen des Verbundes für den Schulträger sind höhere Kosten, die nicht nötig wären.

Nutzen sie den Politikern im Stadtrat?

Immer wenn in einem Ortsteil eine Schule geschlossen werden soll, gibt es einen Aufschrei seitens der Bewohner. „Die Schule muss im Dorf bleiben!“ Das ist wichtig für die Identität eines Ortes. Gegenstimmen werden nicht laut. Wie soll sich da ein Kommunalpolitiker verhalten. Wenn er vorrechnet, wie viel Geld sich durch die Schulschließung sparen ließe, würde er alle Sympathien verlieren und seine Wiederwahl gefährden. Es ist in keinem der betroffenen Orte ein Kommunalpolitiker zu finden, der sich für die Schulschließung ausspricht, und wenn schon eine funktionsfähige Schule im Ort nicht zu erhalten ist, dann muss wenigstens der Teilstandort eines Verbundes vorhanden sein, egal wie teuer und egal  welche Nachteile und Schwierigkeiten damit verbunden sind. Obwohl der Erhalt der Teilstandorte nicht dem Bürgerwohl dient, verhalten sich die Politiker im Sinne des Bürgers, verkaufen ihre Maßnahmen als bürgerfreundlich und versuchen, sich damit ihre Wählerstimmen zu sichern. Für die Probleme, die in den Schulen auftauchen, fühlen sie sich nicht verantwortlich. Für die Problemlösungen sind die Schulleitungen da, die vor eine unlösbare Aufgabe gestellt werden und die Schuld übernehmen müssen, wenn’s nicht läuft.

Nutzen sie dem Land NRW?

Kleine Schulen brauchen mehr Lehrer als große Schulen. Je größer die Schülerzahl ist, umso besser lassen sich Klassen bilden, die die maximale mögliche Schülerzahl erreichen. Wenn an einer Schule wenige Schüler sind, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass mann zwei Klassen mit weniger als 20 Schülern bilden kann. Bei einzügigen Schulen ist die Klassenstärke immer unter 30 (sonst gäbe es zwei kleine Klassen) und kann bis auf 15 herabsinken. Je kleiner die Klassen also sind und je mehr Klassen eine Schule hat, umso mehr Lehrer werden gebraucht, weil ja jede Klasse eine bestimmte Anzahl von Lehrerstunden braucht. Wenn man landesweit dafür sorgt, dass es die kleinen Klassen an kleinen Schulen nicht mehr gibt, lässt sich eine nicht unerhebliche Zahler Lehrerstellen einsparen. Darin sehen wir das Hauptinteresse des Landes, Schulverbunde zu bilden. Ein Verbund mit mehreren Standorten hat kleine Schulen wird aber stellenmäßig besetzt wir eine große Schule, da sich mit höheren Schülerzahlen leichter große Klassen bilden lassen. Während kleine Einzelschulen immer unbedingt zusätzliche Lehrerstunden bekommen mussten, erhalten Schulverbunde genau eine Lehrerstelle für 25 Schüler. Die Verteilung der Schüler auf die Lehrer bleibt das Problem des Verbundes. Das Land spart Lehrerstellen ein und dies dürfte das Hauptanliegen für die Gründung von Schulverbunden gewesen sein, wenn man davon absieht, dass sie auch ein wichtiger Schritt in Richtung Zusammenlegung der kleinen Einzelschulen sind.

Fazit

Der Nutzen der Schulverbunde liegt also in erster Linie für Einsparungen beim Land. Wahrscheinlich freuen sich auch noch einige Kommunalpolitiker, dass sie die unbeliebten Maßnahmen von Schulschließungen noch etwas hinausschieben können. Die Eltern, Schüler und Lehrer ziehen daraus keine Vorteile. Für das Lernen und die Qualität der Bildung bringt der Schulverbund keine Verbesserung, vielmehr erschwert er das Arbeiten und die Qualität der Einzelschulen kann nicht gehalten werden.

Für die Nachteile, die wir durch Schulverbunde haben, ist das Land verantwortlich. Allerdings stellt das Schulministerium es anders da. Das Ministerium behauptet, die Schulen haben alle Organisationsfreiheit und könnten die Abläufe so optimal gestalten, dass alles besser würde. Doch die Schulleitung kann nicht das Unmögliche möglich machen. Sie muss allerdings für alles, was jetzt nicht laufen kann, die Verantwortung übernehmen.

Das nenne ich kluge Politik. Die Politiker schaffen „Drei auf einen Streich“: sie sparen Geld, sie verkünden Verbesserungen und sie machen andere für die entstehenden Missstände verantwortlich.

Damit passen Schulverbunde in eine Reihe von Reformen, die alle diesen genialen Dreierstreich gemeinsam haben: die integrierte Eingangstufe, die Lernstudios, die selbstständige Schule, die Qualitätsoffensive Hauptschule, der Gemeinsame Unterricht und wahrscheinlich noch mehr.

(April 2009) 

Keine Eingangsklasse über 30

„NRW stoppt große Klassen - Neuer Erlass: Gruppenstärke darf 30 Schüler nicht überschreiten“. Das waren die Schlagzeilen, die ich vor kurzem in der Tageszeitung fand. Damit hatte ich nicht gerechnet, das klang doch wirklich sehr gut. Als ich den Artikel las, wurden meine Erwartungen aber schon korrigiert, der neue Erlass gilt nur für Eingangsklassen in Grundschulen. Und als ich dann weiter über die Tragweite der neuen Regelung nachdachte, fand ich, dass noch weniger dahinter steckt, als der Erlass formuliert.

Was ändert sich eigentlich durch den Erlass? Dazu stelle ich folgende Überlegungen an:

Ich gehe bei meinen Überlegungen einmal von einer Schule mit folgenden Schülerzahlen aus: In den Klassen 2 bis 4 sind jeweils 50 Kinder, sodass je zwei Klassen gebildet werden und fürs nächste erste Schuljahr sind 30 Kinder angemeldet. Damit hätte die Schule 7 Klassen und zur Erteilung des Unterrichtes wären ca. sieben Lehrerstellen nötig.

Wenn ich der Schulleiter dieser Schule wäre, würde ich mir zur Stundenplangestaltung folgendes überlegen. 30 Kinder im ersten Schuljahr sind zu viele, um erfolgreichen Anfangsunterricht im Lesen, Schreiben und Rechnen zu machen. Wenn ich jeder der Klassen 2 bis 4 eine Förderstunde und eine Sportstunde kürze, wird die Qualität der Lehre in diesen Klassen nicht wesentlich schlechter, wahrscheinlich wird man gar nichts davon merken. Mit diesen 12 Lehrerstunden könnte ich im ersten Schuljahr den Deutsch- und Mathematikunterricht doppelt besetzen. Diese beiden Fächer würden dann im ersten Schuljahr in 15-er Gruppen unterrichtet. Der Gewinn, den ich damit habe, scheint mir die kleine Kürzung in den anderen Klassen wert. Das ist zwar nicht ideal, aber im Rahmen der bestehenden Möglichkeiten noch die beste Lösung.

Nun ändern sich aber die Voraussetzungen: der 31. Schüler wird fürs erste Schuljahr angemeldet.

Als Schulleiter überlege ich neu: Ich muss zwei Klassen bilden, also teile ich die Klasse 1 in die Klassen 1 a und 1 b. Jetzt brauche ich ein paar zusätzliche Lehrerstunden, um in den beiden Klassen den Unterricht erteilen zu können. Leider sieht aber der Erlass nicht vor, dass ich die nötigen, zusätzlichen Lehrerstunden zugewiesen bekomme. Deshalb lasse ich den Deutsch- und Mathematikunterricht von den Klassenlehrern der 1 a und 1 b in ihren Klassen erteilen. Aufgrund fehlender Lehrerstunden lege ich die beiden Klassen aber in allen anderen Fächern zu einer gemeinsamen Lerngruppe zusammen. Das ist zwar nicht ideal, aber im Rahmen der bestehenden Möglichkeiten noch die beste Lösung.

Was hat sich durch den neuen Erlass geändert? Nichts! Der Erlass ist deshalb wertlos, weil es bei der Klassenteilung nicht die dafür notwendigen Lehrerstunden gibt.

Liebe Frau Sommer! Das war wirklich eine geniale Maßnahme. Die Gewerkschaften jubeln und feiern es als Erfolg auf ihr Drängen, dass endlich die Klassen verkleinert werden. Dem Land kostet diese Maßnahme keinen einzigen Cent, weil keine Lehrerstelle mehr benötigt wird. Die Öffentlichkeit hat den Eindruck, die Regierung erkennt die Probleme und tut etwas dagegen. Das nenne ich kluge Bildungspolitik: Gewerkschaften, Eltern, Lehrer werden „verar...“, keiner merkt etwas davon und alle sind zufrieden. Sie sind auf dem richtigen Weg. Das sichert Ihren nächsten Wahlerfolg, nicht aber Erfolg bei der Verbesserung des Bildungssystems. Weiter so? Nein, bitte nicht!

Liebe Leser! Vielleicht bin ich gegenüber dem Schulministerium voreingenommen, sehe diesen Fall doch aus der falschen Perspektive und erkenne die Vorteile und Verbesserungen nicht. Sollte sich an Ihrer Schule durch den neuen Erlass tatsächlich etwas verbessert haben, bitte geben Sie mir eine Nachricht. Ich würde mich freuen, wenn eine solche Nachricht käme, aber ich rechne nicht damit.

(April 2008)

Trinken im Unterricht

Vor einiger Zeit fand ich in der „Erziehung und Wissenschaft“ einen Artikel, der sich damit beschäftigte, dass Schüler im Unterricht zu wenig trinken. Diese Tatsache erregte meine Aufmerksamkeit und mit Staunen las ich den Artikel genauer, wobei ich feststellte, dass es sich nicht um einen redaktionellen Beitrag, sondern um eine Anzeige handelte. Eine Inhaltsangabe der Anzeige kann  ich mir hier ersparen, denn es wurde auch auf eine Internetseite verwiesen, die das Problem ausführlich darstellt: www.trinken-im-unterricht.de. Sehen Sie selbst nach!

Diese Internetseite hat mich stark beeindruckt, da wird mit allen Mitteln (Pilotprojekten, wissenschaftlichen Untersuchungen, Tipps, Informationsmaterial, Unterrichtseinheiten, Arbeitsblätter, Film für den Unterricht, Lehrerfortbildung, Presse- und Hörfunkbeiträgen, namhaften Schirmherren) versucht, deutlich zu machen, dass Schüler während des Unterrichtes trinken sollten/müssen/dürfen, da sonst ihre Leistungsfähigkeiten eingeschränkt sein könnten.

Das sieht auf der Internetseite alles sehr überzeugend aus, trotzdem wollte ich die Botschaft nicht so recht glauben. Dann entdeckte ich aber im Impressum, wer hinter dieser Aktion steht: der Verband Deutscher Mineralbrunnen e.V. Damit erklärt sich dann auch, dass sie Schüler nicht etwas Milch (kein Getränk sondern Lebensmittel) oder Leitungswasser (die Reinheit ist nicht garantiert), sondern nur Mineralwasser trinken sollen.

Ich habe meine Zweifel daran, dass die Leistung der Schüler dadurch zu steigern ist, dass ich das Trinken im Unterricht erlaube, viel weniger glaube ich, dass durch ein Trinkverbot während des Unterrichtes die Gesundheit der Kinder gefährdet ist. Das sind die Charakteristika aller pädagogischen Diskussionen: immer lassen sich gute Argumente für und gegen einen Standpunkt finden, was endlich richtig ist, lässt sich nicht klar entscheiden und nach hinreichend langer Zeit sind wieder ganz andere Wahrheiten gültig.

Deshalb sollten wir als Lehrer kritisch sein gegenüber allen Versuchen, uns in irgendeiner Weise zu beeinflussen. Wir sollten selbst erkennen, was für unseren Unterricht gut und nötig ist. Unterstützung seitens der Wirtschaft sollten wir immer einen gewissen Anteil an Eigennutz unterstellen.

Ich werde auch weiterhin meinen Schülern im Unterricht das Trinken nicht erlauben. Auch wenn es vielleicht nur wenig stört und den Unterricht kaum behindert. Aber ich halte es für auch für nötig, dass Kindern lernen, dass es Regeln gibt, die das Arbeiten und den Umgang miteinander erleichtern und dass sie sich in der Einhaltung der Regeln üben. Es ließen sich nämlich auch Argumente finden, warum man den Schülern das Essen (Hunger hemmt beim Lernen), den Toilettengang (die drückende Blase erschwert die Konzentration), das Kaugummi kauen (soll gut für die Zähne sein) oder das Mützen tragen (der warme Kopf arbeitet besser) erlauben sollte.

Und wenn ich fest stelle, dass die meisten Kinder heute zu Hause nicht lernen, Regeln einzuhalten, dann ist dies in der Schule um so nötiger. Und dazu gehört es auch zu lernen und zu befolgen, dass für manche Verrichtungen die Pausen da sind. Nicht alles, was zum Wohl des Kindes zu sein scheint, ist auch wirklich zum Wohl des Kindes, auch nicht das Trinken im Unterricht.

 (April 2007)

 

 

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letzte Änderung am 25.06.2010